Bunte Ecke

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11.000 PS am Joystick

Mit bis zu 300 Stundenkilometern flitzen Deutschlands schnellste Züge die Gleise entlang. Wie wird ein solcher Intercity-Express (ICE) gesteuert? PRIMAX- Reporter Luca erlebte in einem ICE-Simulator, was Lokführer leisten müssen, damit die Fahrgäste sicher und pünktlich ankommen.

Das Lichtsignal neben dem Gleis springt auf Grün. Der ICE bekommt so vom Fahrdienstleiter, dem Chef des Bahnhofs, die Erlaubnis loszufahren. Pünktlich um 13.12 Uhr, wie es im Fahrplan steht. Luca will einen Hebel im Cockpit vorsichtig nach vorne schieben, um den Zug in Bewegung zu setzen. Stopp! Erst müssen alle Türen des 150 Meter langen Zuges geschlossen werden! Kurz darauf rollt der ICE aus dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Genau 55 Minuten später soll er den Bahnhof in Ulm erreichen.
Tempo 130! Immer schneller fliegt die Landschaft am ICE-Cockpit vorbei. Welche Geschwindigkeit in jedem Abschnitt der Gleisstrecke erlaubt ist, sieht Luca im Lokführerfahrplan auf einem der kleinen Bildschirme vor ihm. Auf dem anderen Gleis kommt ein ICE entgegen. Der PRIMAX-Reporter hebt seinen linken Arm und winkt dem Lokführer zu – genau so, wie es üblich ist. „Können Sie es auch schneien lassen?“, fragt Luca den Mann, der hinter ihm steht. Sekunden später rieseln auf der Leinwand vor der Cockpitscheibe Schneeflocken herunter. Hier ist nichts echt! Luca sitzt nämlich in einem von 17 Simulatoren der Deutschen Bahn. Darin üben rund 20.000 Lokführer während und auch nach der Ausbildung regelmäßig das richtige Verhalten im Cockpit – zum Beispiel, wenn es eine technische Störung gibt und sie sekundenschnell reagieren müssen. Angeleitet werden die Lokführer von speziellen Trainern wie Mario Edelmann, der dem PRIMAX-Reporter alles Wichtige zeigt. Dichter Nebel, heftige Regengüsse, blendender Sonnenschein oder Fahrten bei Nacht, sogar Mückenschwärme, die auf die Frontscheibe prasseln: Im Simulator kann fast alles täuschend echt nachgeahmt werden, womit Lokführer umgehen können sollten. Hier üben sie auch, über Stunden hinweg auf die Lichtsignale entlang der Gleisstrecke zu achten und richtig zu reagieren.

„Warum rüttelt es immer wieder?“, fragt Luca. „Auch in echten Zügen ist ein leichtes Rütteln zu spüren, wenn sie über Weichen fahren“, antwortet Mario Edelmann: „Der Computer, der die Bewegungen des Simulators steuert, stellt auch kleinste Feinheiten dar.“ Der ICE-Trainer deutet auf den Fahrplan. „Gleich erreichen wir Blochingen. Bremse schon einmal leicht ab, bis auf Tempo 110. Aber werde nicht zu langsam, wir müssen in Ulm pünktlich ankommen.“ Vorsichtig zieht Luca einen der Joysticks zu sich heran und beobachtet die Nadel auf dem Tachometer. Da leuchtet schon wieder eine der Anzeigelampen auf.

„Vergiss den Sifa nicht!“, meint Mario Edelmann. Sifa? Jeder Lokführer muss alle 30 Sekunden einen Sicherheitsfahrschalter betätigen. So zeigt er, dass es ihm gut geht und er den Zug ohne Probleme steuern kann. Reagiert er auf das Signal nicht, bremst der ICE automatisch ab. Luca drückt den Schalter gerade noch rechtzeitig und schüttelt den Kopf. „Ich dachte immer: Lokführer sitzen nur da und schauen dem Zug beim Fahren zu.“

Fotos: Gerhard Bayer
November 2013