Wissen / Reportage

Bunte Welt

Wenn Leonard Düsentrieb tüfftelt

Ein Bobbycar mit Düsenantrieb? Gibt’s nicht. Gibt’s doch! Leonard Schäfer tüftelte so lange, bis er auf seinem Mini-Renner zum ersten Mal losdüsen konnte. Nicht nur sein Physiklehrer ist begeistert.

„Bleiben Sie bloß nicht hinter der Düse stehen!"

"Dort kommt gleich sehr heiße Luft heraus.“ Der PRIMAX-Reporter springt zur Seite, da startet Leonard Schäfer auch schon das Triebwerk. 700 Grad Celsius heiße Abgase lassen die Luft flimmern. Auch der ohrenbetäubende Lärm erinnert an ein startendes Flugzeug. Mit den Hebeln seiner Fernbedienung regelt Leonard die Drehzahl. Jetzt noch den Karosseriedeckel befestigen, das Lenkrad aufstecken, dann kann sich der Pilot auf das ungewöhnliche Bobbycar setzen und im Hof der elterlichen Baufirma eine Runde drehen. Im Straßenverkehr darf er mit seinem Eigenbau nicht fahren. Um gleichzeitig Gasgeben und lenken zu können, legt er die Fernbedienung auf das kleine Lenkrad. „Das ist noch nicht die endgültige Lösung, daran muss ich noch tüfteln.“

Der Antrieb in Leonards Bobbycar funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie Düsentriebwerke in großen Flugzeugen: Bei ihnen dreht sich auf der Vorderseite ein Schaufelring. Er saugt Luft ins Innere und presst sie in einer Kammer zusammen. Dort wird der Treibstoff Kerosin hineingespritzt und entzündet. Das heiße Verbrennungsgas schießt hinten aus einer Düse heraus – und zwar mit einer Geschwindigkeit, die viel höher ist als beim Ansaugen der Luft. So entsteht ein Rückstoß, der das Fahrzeug anschiebt. Das hinausschießende Gas bewegt zusätzlich einen Schaufelring an der Rückseite des Triebwerks. Seine Drehung wird genutzt, um den vorderen Schaufelring zu bewegen, der wieder neue Frischluft ansaugt.

„Ein Mitarbeiter meines Vaters hat zu Hause eine tolle Metallwerkstatt. Dort konnte ich alle Maschinen benutzen, um Platten, Achsen und Halterungen an mein Bobbycar anzupassen.“ Dem früheren Rutschauto gleicht Leonards Gefährt kaum noch: Der Düsenantrieb steckt normalerweise in Modellflugzeugen. Der Tank stammt aus einer Motor-Heckenschere. Luftreifen mit Metallfelgen ersetzen die Plastikräder. Metallbleche geben der Karosserie den nötigen Halt. „Nachts um zwei Uhr wurde ich fertig.“ Gerade rechtzeitig, schon am nächsten Morgen sollte Leonard sein Düsenmobil auf dem Schulhof vorführen. „Ich war unglaublich aufgeregt. Aber es hat alles funktioniert und die ganze Schule war stolz auf mich.“

Wenige Zentimeter über dem Asphalt sitzt Leonard, wenn er mit seinem Bobbycar fährt. Wie schnell es sein kann, hat er noch nicht ausprobiert. „Als zweiten Teil der Jahresarbeit plane ich genaue Messungen.“ Dabei soll es nicht nur um Geschwindigkeit gehen. Welche Schubkraft entwickelt das Düsentriebwerk? Wie viel Treibstoff verbraucht es? Wenn Leonard dann losdüst, wird er Motorradhelm und Lederkombi tragen, denn: Wahre Tüftler unternehmen keine halsbrecherischen Rekordversuche.
Fotos: redkon GmbH
Januar 2013