Wissen / Reportage

Bunte Welt

Der Traum vom großen Spiel

Fußball-Profi! Davon träumen viele Tausend Mädchen und Jungen. Henock und Dafina sind diesem Traum näher gekommen.

Henock Liyew

Ein Piepston! Schon kommt ein Ball geflogen. Noch bevor Henock ihn annimmt, schaut er sich kurz um. Da! Ein Viereck leuchtet auf. Henock stoppt die Lederkugel und schießt sie sofort ins Ziel. Pieps! Der nächste Ball. Henock nimmt nur noch Piepstöne und Bälle wahr. Eine lange Minute voller innerer Hochspannung. Dann wird der nächste Spieler zeigen, wie schnell er reagieren, den Ball stoppen und ins jeweils erleuchtete Viereck schießen kann.
Henock steht in einer Halle alleine in der Mitte eines 14 x 14 Meter großen Kunstrasenfeldes. Um ihn herum ist eine Art Gitterkäfig mit 64 Vierecken an den Wänden. In der Mitte jeder Wand sind je zwei Ballmaschinen. Woher der nächste Ball kommt, ob flach oder hoch, das bestimmen der Trainer und der Computer in einem Raum nebenan.
Einmal pro Woche trainieren Henock und die U14-Kicker im Footbonauten der TSG Hoffenheim. Alle Jugendteams des Vereins nutzen diese hochmoderne Trainingseinrichtung, die es in Deutschland ansonsten nur bei Borussia Dortmund gibt. Henock gehört seit vier Jahren zur TSG. Seitdem lässt er sich von seinen Eltern aus dem 50 Kilometer entfernten Heimatort viermal pro Woche zum Training und am Wochenende zu Spielen fahren. „Ich denke immer an mein Ziel. Dafür tue ich alles, was ich kann", schildert Henock. „Erst mit acht, neun Jahren habe ich in einem Spiel gespürt, was wirklich in mir steckt. Dieser Moment hat mich verändert. Seitdem will ich alles aus mir herausholen. Ich glaube an mich." Und wenn sein Traum nicht wahr werden sollte? „Auf alle Fälle will ich das Abitur machen. Falls ich es nicht bis zum Profi schaffe, werde ich studieren."

Dafina Redzepi

Das einzige Mädchen zu sein ist für Dafina nichts Neues. Ihre ersten Fußballschuhe schnürte sie mit vier Jahren. Damals nahm sie ihr Vater mit zum Training der jüngsten Jungs des FC Heilbronn. Noch heute ist er Trainer in diesem Verein. Dafina ist den damals eingeschlagenen Weg weitergegangen. Seit knapp zwei Jahren spielt sie bei der TSG Hoffenheim, derzeit in der U13. Ein Mädchen in einer Jungenmannschaft eines Bundesligaklubs: Das ist in Deutschland einzigartig. Dafina hält nicht nur gut mit. Sie ist die Spielmacherin des Teams, kann am besten dribbeln und am besten schießen. Für ein Mädchenteam in ihrem Alter ist Dafina schon lange zu gut. Wie kommen Jungen damit zurecht, gegen ein derart starkes Mädchen zu kicken? Dafina schmunzelt und sagt dann ganz ernst: „Gegnerische Jungs gehen oft ziemlich hart in Zweikämpfe mit mir. Doch das macht mir keine Angst. Es motiviert mich, noch besser zu werden." Am Ball ist Dafina an jedem Tag der Woche: dreimal auf dem Trainingsplatz, einmal im Footbonauten, einmal zu Hause mit ihren Brüdern, dazu samstags und sonntags bei Spielen der TSG und der badischen Landesauswahl. Spätestens mit 16 Jahren wird Dafina zu den Juniorinnen der TSG wechseln, die in der obersten Liga ihres Alters spielen. Dann ist sie nicht mehr die Einzige.

Fotos: Gerhard Bayer
Juni 2018