Wissen / Reportage

Bunte Welt

Das Mädchen aus den Bergen

Kinder auf der ganzen Welt haben die Geschichte von Heidi in Büchern gelesen und in Filmen erlebt. Sie kennen ihren besten Freund Geißenpeter und Alm-Öhi, den ebenso knurrigen wie liebevollen Opa. Am 10. Dezember kommt ein neuer Film in die Kinos, der Heidis Welt zeigen will, wie sie wirklich war.

Wie war Heidis Leben in den Bergen wirklich?

Lebte Heidi in einer heilen Bergwelt? So lieblich und friedlich, wie es in den meisten Filmen über das berühmte Mädchen gezeigt wird? Die Macher des neuen Kinostreifens wollen zeigen, wie das Leben in den Schweizer Bergen vor rund 135 Jahren wirklich aussah. Idyllische Dörfer und Almhütten, saftige Wiesen, reine Luft und ganz viel Natur: Das gab es wirklich. Doch der Alltag der Bergbewohner hatte auch Seiten, die oft vergessen werden. Viele Menschen waren bettelarm, wohnten in sehr einfachen Hütten und Häusern und mussten im rauen Klima hart arbeiten, um ihre Familien zu ernähren. Da viele Kinder mit anzupacken hatten, konnten sie nicht oder kaum zur Schule gehen. Und wer nicht lesen und schreiben lernt, wird keinen Beruf erreichen, in dem sich viel Geld verdienen lässt. All das hat Johanna Spyri in ihrer Geschichte von Heidi beschrieben – und im Drehbuch des neuen Films findet es sich wieder.
Wie aufwendig es war, für den Film die Zeit zurückzudrehen, zeigt sich am Beispiel des kleinen Bergdorfes Latsch: Vor den Dreharbeiten arbeiteten 25 Frauen und Männer drei Wochen lang daran, die Fassaden von Häusern und Ställen älter und ärmlich aussehen zu lassen. Die Straßenlaternen wurden abgebaut und einige Gärten im Dorf umgestaltet. Mehrere Lastwagenladungen Dreck wurden in den Gassen verteilt, dazu kam ein riesiger Misthaufen in die Dorfmitte. Was nicht verändert werden konnte, zum Beispiel moderne Dächer, änderten nach den Dreharbeiten Fachleute am Computer.

Johanna Spyri

Zu Hause in einem kleinen Bergdorf, hoch oben schneebedeckte Gipfel, unten im Tal die vornehme und zugleich fremde Stadt: So sah die Welt aus, in der Johanna Spyri ihre Kindheit verbrachte. Im Juni 1827, also vor 188 Jahren, wurde sie in Hirzel in der Nähe von Zürich geboren. Johanna war eines von sechs Kindern eines Arztes und einer Dichterin. Mit 25 Jahren heiratete Johanna in Zürich einen Anwalt. Drei Jahre später kam Bernhard Diethelm, ihr einziges Kind, zur Welt. Da ihr Ehemann viel arbeitete und oft unterwegs war, blieb Johanna häufig allein mit ihrem Sohn. So befolgte sie den Rat eines Freundes und begann mit dem Schreiben von Erzählungen. 1871, mit 44 Jahren, wurde ihr erstes von mehr als 30 Büchern gedruckt. Darin stellte Johanna immer wieder die Armut von Menschen und das Schicksal von Kindern dar, die ihre Eltern verloren haben. Kurz vor Weihnachten 1879 erschien ihr Buch Heidis Lehr- und Wanderjahre und knapp zwei Jahre später die Fortsetzung Heidi kann brauchen, was es gelernt hat. Mit der Geschichte des Mädchens aus den Bergen hatte Johanna die wohl berühmteste Schweizerin erschaffen. Die beiden Bücher wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt, weltweit mehr als 50 Millionen Mal verkauft und mehrfach verfilmt. Johanna Spyri starb im Juli 1901 im Alter von 74 Jahren.
Fotos: Studiocanal, Keystone/SIKJM/STR
Dezember 2015