Wissen / Reportage

Bunte Welt

Der Kunstflieger

Leonie und Lukas sind bisher noch nie geflogen. Matthias Dolderer ist einer der besten Kunstflieger der Welt und Deutschlands einziger Pilot bei Luftrennen. PRIMAX war dabei, als die beiden Kinderreporter auf dem Flughafen im württembergischen Tannheim an Bord eines Sportflugzeugs kletterten. Sie ließen sich von dem erfahrenen Piloten hoch oben am Himmel zeigen, worauf es beim Kunstflug ankommt.

Schon 30 Minuten zuvor haben Leonie und Lukas ein Kribbeln im Bauch. Würde der Kunstflieger zusammen mit ihnen sogar einen Looping drehen? „Nein, das wäre für den ersten Flug im Leben viel zu anstrengend“, meint Dolderer und führt sie zu einem normalen Sportflugzeug. „Kunstflugmaschinen sehen nicht viel anders aus. Aber ihre Technik ist auf die höheren Belastungen bei Kunstflugfiguren ausgerichtet.“
Gemeinsam ziehen sie das 700 Kilogramm schwere Flugzeug aus der Halle auf dem Flugplatz im württembergischen Tannheim. Auf der Startbahn beschleunigt der 180 PS starke Motor das Gefährt auf Tempo 90, dann hebt die Maschine ab. Eine Stunde lang überfliegen Leonie und Lukas mit 130 Stundenkilometern und in weiten Schleifen ihre nahen Heimatorte.
Lukas schaut mit starren Augen aus dem linken Fenster. Die Tragfläche auf dieser Seite des Flugzeugs scheint direkt zum Erdboden zu zeigen – so steil ist die Kurve, in die Matthias Dolderer die viersitzige Maschine gelegt hat. „Wenn wir so wie jetzt im 60-Grad-Winkel fliegen“, ruft der Pilot den beiden PRIMAX-Reportern zu, „werden wir mit der doppelten Erdanziehungskraft in die Sitze gepresst!“ Tatsächlich: Als Leonie versucht, ihre Arme anzuheben, fühlen sie sich ungewohnt schwer an. Genau genommen braucht sie dafür doppelt so viel Kraft wie sonst. „Luftrennen sind viel härter“, sagt Dolderer und lächelt: „Dort fliegen wir rasend schnell und in nur 15 Meter Höhe um Pfeiler herum. Dabei muss der Körper bis zum Zwölffachen des eigentlichen Gewichts aushalten.“ Ungläubig schüttelt Lukas seinen Kopf.
„Hm, 400 Meter hoch in der Luft und nur ein Bodenblech unter den Füßen“, denkt Leonie. Der Motor ist laut, das Flugzeug wackelt und wird vom Wind immer wieder geschubst. Bald schon haben sich die Kinderreporter daran gewöhnt und genießen die Aussicht. Lukas ist begeistert: „Obwohl wir so hoch fliegen, kann ich jedes einzelne Haus erkennen. So habe ich die Welt noch nie gesehen.“ Kurz vor der Landung schwenkt der Pilot das Flugzeug wieder in eine 60-Grad-Kurve. Diesmal neigt sich die rechte Tragfläche in Richtung Erdboden. Oh … oh … oooh!

Was ist eigentlich Kunstflug?

Frauen und Männer in Kunstflugzeugen sind nicht nur Piloten, sondern auch Artisten: Sie steigen mit ihren Maschinen fast senkrecht in den Himmel hinauf und stürzen steil nach unten, fangen sie trotzdem sicher über dem Boden ab, lassen sie um die Längsachse drehen, fliegen Loopings und auch mal kopfüber und rasen mit bis zu 400 Stundenkilometer durch die Luft. In der Anfangszeit der Fliegerei wurden alle Flugversuche der Menschen als Kunstflug bezeichnet, im Gegensatz zum natürlichen Flug der Vögel. Heute gelten nur noch spektakuläre Flugmanöver als Kunstflug. Kunstflieger finden sich an Bord von Motorflugzeugen, Segelflugzeugen und Hubschraubern. Auch der artistische Umgang mit ferngesteuerten Flugmodellen zählt zum Kunstflug. Mittlerweile ist es eine Sportart, in der nationale und internationale Meisterschaften ausgetragen werden.
Fotos: Gerhard Bayer / Olaf Pignataro
August 2013