Wissen / Reportage

Bunte Welt

Anders sein ohne Haare

Eloy ist anders als die meisten Kinder. Dem sieben Jahre alten Schweizer Jungen sind am ganzen Körper die Haare ausgefallen. Wie geht er damit um?

Gleich am ersten Tag in der Schule schauen ihn alle Kinder in der Klasse an und fragen neugierig: „Was ist mit dir? Warum hast du keine Haare?“ Eloy mag Menschen, die ihn offen ansprechen. Ihnen kann er wenigstens antworten: „Ich habe kreisrunden Haarausfall.“ Vier Jahre zuvor: Eloy hat gerade seinen dritten Geburtstag gefeiert, als ihm die Augenbrauen ausfallen. Kurze Zeit später bekommt er auch kahle Stellen am Hinterkopf. Seine Eltern Jacqueline und Daniel Kauer erschrecken sich mächtig und befürchten eine schlimme Krankheit. Sie suchen verschiedene Ärzte auf, aber jeder von ihnen nennt eine andere mögliche Ursache und empfiehlt andere Medikamente. „Kein Arzt hat uns wirklich überzeugt. Wir fühlten uns allein gelassen“, erinnert sich Daniel. Eloy verliert immer mehr Haare. Ansonsten hat er keinerlei Beschwerden, nichts tut ihm weh. Seine Freunde fragen zwar, warum sich sein Aussehen immer mehr verändert, gehen aber ganz selbstverständlich damit um. Keine Haare zu haben gehört von nun an einfach zu Eloy.
Eloys Eltern geben sich mit der Ungewissheit nicht zufrieden. Sie suchen im Internet nach Hinweisen, welche Krankheit Eloy haben könnte. Da stoßen sie auf einen Arzt, der schon viele Patienten mit ähnlichen Anzeichen behandelt hat. Er untersucht Eloy. Danach sehen die Kauers klar: Es handelt sich um die schlimmste Form des kreisrunden Haarausfalls, bei dem nicht nur einzelne Stellen, sondern der ganze Körper betroffen ist. Ob Eloys Haare wieder nachwachsen, das weiß niemand. Bald darauf geht Eloy in den Kindergarten. Es beginnt die Zeit der stummen Blicke, die meistens von den Eltern der anderen Kinder kommen. Die Mädchen und Jungen selbst sprechen Eloy direkt an und akzeptieren ihn so, wie er ist. Trotzdem ist es für Eloy nicht immer leicht. Oft setzt er eine Kappe auf, um seine Glatze zu verstecken. „An manchen Tagen kam Eloy weinend nach Hause und sagte mir: ,Mama, ich möchte auch ein schöner Bub sein!’“, erzählt Jacqueline.
An einem Wochenende besuchen die Kauers einen Erlebnispark. Da zeigen ihm seine Eltern all die Kinder im Park, die im Rollstuhl sitzen oder eine andere Behinderung haben. „Wir sagten zu ihm: Du hast zwar keine Haare mehr. Aber ansonsten bist du ein völlig gesunder Junge. Und das ist das Wichtigste.“ Wenn Eloy heute zur Schule geht, setzt er nur noch selten eine Kappe auf. Warum auch? Mittlerweile kennen alle den Grund für sein Aussehen. Und Eloy weiß nun: „Fast jeder Mensch hat etwas, was anders ist als bei den meisten anderen. Nur sieht man es nicht bei jedem Menschen so deutlich wie bei mir.“
Fotos: Jacqueline und Daniel Kauer
Januar 2015