Wissen / Reportage

Bunte Welt

Radeln im Liegen

Die ersten Liegeräder gab es schon vor 120 Jahren. Obwohl diese ungewöhnlichen Fahrzeuge viele Vorteile haben, rollen sie noch immer im Schatten der „normalen“ Fahrräder. PRIMAX-Reporterin Nina machte sich auf den Weg nach Kriftel bei Frankfurt am Main. Dort leiten zwei Tüftler einen Betrieb, in dem sie Liegeräder bauen und in die ganze Welt verkaufen.

„Ohne Motor immer trocken und schnell zur Schule kommen!“

Mit dieser Idee im Kopf tüftelten Paul Hollants und Daniel Pulvermüller im Jahre 1992 an einem ungewöhnlichen Fahrzeug: ein dreirädriges Liegerad mit Vollverkleidung. Paul ging noch zur Schule und war 18 Jahre alt, als er mit seinem zwei Jahre älteren Freund Daniel beim Bundeswettbewerb „Jugend und Technik“ mitmachte. Ihr „rotes Ungeheuer“ gewann den ersten Preis! Bald meldeten sich Kaufinteressenten: So wollten zum Beispiel ein Lehrer von Paul und Verwandte auch ein solches Rad haben. Ein Jahr später gründeten die jungen Tüftler die Firma HP Velotechnik. Unterstützt durch die Eltern liehen sie sich von der Bank 5000 Mark (heute etwa 2500 Euro) und kauften sich eine gebrauchte Drehmaschine. Paul und Daniel entwickelten und bauten verschiedene Liegeradmodelle – und hatten Erfolg. Gleichzeitig begannen sie zu studieren: Paul wurde Wirtschaftsingenieur, Daniel Maschinenbauingenieur. Im Laufe der Jahre verkauften sie immer mehr Liegeräder, stellten Mitarbeiter ein und zogen mehrmals in immer größere Firmenräume um. Heute besteht das Team von HP Velotechnik aus 35 Mitarbeitern und liefert pro Jahr rund 2000 zwei- und dreirädrige Liegeräder nach ganz Europa, nach Australien, Japan und in die USA.

Von der Idee bis zum fertigen Liegerad

Die Ideen zu neuen Modellen entstehen in den Köpfen der Ingenieure. Wie die Liegeräder aussehen, welche Teile benötigt werden, das legen sie auf den Millimeter genau am Computer fest. Funktioniert das neue Liegerad auch in der Praxis? Müssen Teile größer oder kleiner, dicker oder dünner sein oder anders aussehen? Um das zu klären, werden in der kleinen Tüftlerwerkstatt am Rande der Firmenhalle Einzelstücke gebaut und getestet. Ist alles in Ordnung, schicken die Krifteler Radbauer technische Zeichnungen nach Asien, in den mehr als 9000 Kilometer entfernten Staat Taiwan. Genau wie die meisten Fahrradhersteller lassen auch sie dort die Aluminiumrahmen ihrer Modelle fertigen. Warum nicht in Deutschland? „Die weltweit besten Aluminiumschweißer“, sagt Paul Hollants, „sind in Taiwan. Diese handwerkliche Qualität ist für uns entscheidend.“

Testfahrt auf drei Rädern

Wie fährt sich so ein Liegerad? PRIMAX-Reporterin Nina probiert es aus. Eine halbe Stunde lang radelt sie quer durch Kriftel – erst vorsichtig, dann immer sicherer. Ninas Testurteil: „Auf einem Liegerad sitze ich viel bequemer als auf einem normalen Fahrrad. Meinen Kopf muss ich nicht zurücklehnen, um zu sehen, wohin ich fahre. Ich sitze einfach da und kann mir beim Fahren die Umgebung anschauen. Und ich brauche weniger Kraft, um voranzukommen: Weil ich so niedrig sitze, kann mich der Wind nicht so bremsen wie auf meinem Fahrrad zu Hause.“
Fotos: Gerhard Bayer
Juli 2015