Wissen / Reportage

Welt der Tiere

Online-Tagebuch aus Vietnam Expedition zu den seltensten Affen der WeltOnline-Tagebuch aus Vietnam Expedition zu den seltensten Affen der Welt

16. Februar 2012
Geschafft! Nach mehr als zehn Stunden und 8500 Kilometern Flug komme ich in Hanoi an, der Hauptstadt von Vietnam. Ich rufe ein Taxi, das mich weiter ins Landesinnere zum Eingang des Cuc-Phuong-Nationalparks bringen soll. Auf der mehrstündigen, unendlich lang erscheinenden Fahrt wird klar, wie sich Vietnam verändert hat. Noch vor wenigen Jahrzehnten war fast das ganze Land von Urwald bedeckt. Dort konnten viele unterschiedliche Tierarten ungestört leben. Dann holzten die Menschen immer mehr Wald ab und bauten stattdessen Reis, Zuckerrohr und Süßkartoffeln an. Heute reichen die Felder bis an die schwer zugänglichen Berge heran. Vom ehemaligen Lebensraum der Affen ist kaum etwas übrig.
Endlich, das Taxi setzt mich am Eingang des Nationalparks ab. Hier befindet sich auch die Rettungsstation für Affen, die vom Aussterben bedroht sind. Der deutsche Naturschützer Tilo Nadler hat die Station vor rund 20 Jahren gegründet. Mittlerweile leben in den Gehegen 150 Affen aus 15 Arten. Morgen früh werde ich den seltensten Affen der Welt begegnen. Ich bin gespannt ... 
17. Februar 2012
Neugierig schaut Omo den fremden Mann an. Dann saugt das Kleideraffenbaby wieder an der Milchflasche, die ihm Elke Schwierz hinhält. Die Tierpflegerin aus Deutschland – alle übrigen Mitarbeiter sind Vietnamesen – holte Omo erst vor wenigen Tagen in die Rettungsstation. Eine Familie in Zentralvietnam hatte das kleine Affenmädchen als Haustier gehalten. Das ist verboten. Grauschenklige Kleideraffen stehen wie alle seltenen Affenarten unter Naturschutz. Trotzdem werden sie von Wilderern gejagt und verkauft: zum Beispiel als Haustiere oder als Spezialität in Restaurants.
Kaum ist der letzte Milchtropfen hinuntergeschluckt, probiert Omo wieder einmal, was bald ihre wichtigste Nahrung sein wird: frisches Laub von besonderen Baumarten, die es nur in Vietnam und den angrenzenden Ländern gibt.
Nach solchen Bäumen suchen die vietnamesischen Helfer der Rettungsstation jeden Tag aufs Neue. Heute darf ich sie auf einem ihrer Motorräder begleiten. Stundenlang schneiden die jungen Frauen und Männer außerhalb des Nationalparks Zweige mitsamt Blättern ab und bringen dieses Affenfutter in die Station. Naturschutz ist nicht immer aufregend, aber oft anstrengend!
18. Februar 2012
CP wurde in der Rettungsstation geboren. Sie ist erst fünf Monate alt und gehört zu den besonders seltenen Delacour-Languren. Weil sich ihre Mutter nicht gut um sie kümmerte, wird CP jetzt von den Tierpflegern aufgezogen. Ich komme gerade dazu, als eine vietnamesische Tierpflegerin das Affenbaby wiegt.
CPs Familie lebte bis vor Kurzem auf einem Urwaldberg direkt neben der Rettungsstation. Der Berg ist eines von zwei riesigen Freigehegen. Wer hierher kommt, soll sich darauf vorbereiten, wieder in der freien Natur zurechtzukommen. CPs Eltern und ihr Bruder haben zum Beispiel gezeigt, dass sie sich selbstständig Futter und einen Schlafplatz suchen können. Möglichst viele Affen sollen den Sprung von der Rettungsstation in ein sicheres Leben in freier Natur schaffen.
19. Februar 2012
Tierpflegerin Elke Schwierz führt mich zu einem Gehege, in dem zwei erwachsene Affen und ein Junges leben. Was ist daran besonders? Diese drei gehören zu den Cat-Ba-Languren! In freier Natur leben nur noch 63 Tiere – auf der Insel Cat Ba vor der Küste Nordvietnams und nirgendwo anders auf der Welt. Nur noch 63!
Nicht viel besser sieht es bei anderen Affenarten aus: So gibt es zum Beispiel von den Tonkin-Stumpfnasen weltweit nur noch 200 Tiere. Sollten die letzten Affen in Vietnam sterben, sind diese Arten auf dem gesamten Planeten verschwunden. Für immer! Langsam verstehe ich nicht nur, sondern fühle auch, warum die Arbeit von Tilo Nadler und seinen Leuten so wichtig ist.
20. Februar 2012
Heute lerne ich Butz kennen, einen Rotschenkligen Kleideraffen. Tilo Nadler, der Leiter der Rettungsstation, erzählt mir seine Geschichte. Im Alter von drei Monaten sollte Butz auf einem Markt verbotenerweise verkauft werden. Tilo Nadler holte das Affenbaby in die Rettungsstation und zog Butz mit der Milchflasche auf: „Anfangs konnten wir ihn nie allein lassen, weil er dann vor Angst geschrien hat.“
Mittlerweile ist Butz 13 Jahre alt und vertraut den Tierpflegern. Warum wohnt er allein in einem eigenen Gehege? „Mit Artgenossen versteht sich Butz überhaupt nicht“, erklärt Tilo Nadler. Schuld daran sind die schlimmen Erlebnisse als Baby. Immerhin hat Butz ein sicheres Zuhause. Das ist wichtig. Aber er wird nie so leben können, wie es die Natur für Tiere wie ihn vorgesehen hat. Ein wenig traurig verabschiede ich mich von Butz. Umso mehr freue ich mich auf morgen: Dann werde ich Affen sehen, die in Freiheit leben: auf den Urwaldbergen von Van Long.

21. Februar 2012

Ein See, dahinter steile Berge mit Urwald und spitzen Felsen: Tilo Nadler, der Leiter der Rettungsstation, und Tierpflegerin Elke Schwierz haben mich ins Schutzgebiet Van Long mitgenommen. Hier leben rund 120 Delacour-Languren in Freiheit, darunter auch CPs Eltern und ihr Bruder. Auf flachen, ziemlich wackeligen Booten fahren wir an die Felsenwände heran und halten mit Ferngläsern Ausschau nach Languren. So sehr ich mich auch anstrenge, ich erblicke nichts als graue Felsen und grüne Bäume.

Da deutet Tilo Nadler mit ausgestrecktem Arm auf einen Felsvorsprung. „Unser erster Langur heute!“, ruft er freudig. Tatsächlich, Hunderte von Metern entfernt erkenne ich einen winzigen schwarz-weißen Punkt. Näher wollen wir nicht heran. Ein Schutzgebiet ist kein Zoo und die wenigen freilebenden Affen sollen nicht gestört werden. Sie haben es schwer genug.
Das war mein letzter Tag in Vietnams Urwäldern. Morgen fahre ich zurück nach Hanoi, von dort fliege ich wieder nach Deutschland. In der PRIMAX-Redaktion werde ich alles, was ich in Vietnam erlebt habe, ganz ausführlich aufschreiben. Und ihr könnt es in der März-Ausgabe eures Kindermagazins lesen. Bis dann! 
Fotos: Gerhard Bayer, redkon GmbH