Wissen / Reportage

Welt der Tiere

Tigerteenies vor dem Umzug

Als Tigerbabys lernten sie sich kennen. Mittlerweile sind Daseep und Tschuna zu Teenies herangewachsen. Doch ihre gemeinsame Zeit im Wuppertaler Zoo wird bald zu Ende gehen: Dann ziehen sie in verschiedene Tiergärten nach England um.
Keine Milch mehr!
Mit dieser alarmierenden Nachricht begann das Leben von Daseep und Tschuna. Obwohl sie verschiedene Eltern haben und in verschiedenen Zoos zur Welt kamen, haben die Tigerbabys etwas gemeinsam: Beide waren wenige Tage nach der Geburt in großer Gefahr. Ihre Mütter konnten sie nicht mehr mit der lebensnotwendigen Milch versorgen. Was in freier Natur mit dem Tod der Jungen endet, verhinderten Tierpfleger im Frankfurter und im Wuppertaler Zoo: Sie gaben den vierbeinigen Säuglingen rund um die Uhr eine spezielle Aufzuchtmilch, spielten und kuschelten mit ihnen. Als die Lebensgefahr gebannt war, zog Daseep von Frankfurt nach Wuppertal um und teilt sich seitdem mit Tschuna ein Freigehege und ein Kinderzimmer. Das Ziel ist klar: Die beiden sollen sich möglichst wenig an Menschen gewöhnen, vielmehr miteinander einüben, wie sich erwachsene Tiger verhalten – genau so, wie es ihre Instinkte vorgeben.
Tierpfleger bleiben jetzt draußen
Wenige Monate später sind die Tigerbabys im Dackelformat zu Raubkatzen herangewachsen, die jeden Menschen umwerfen könnten. Tschuna ist nicht nur größer als Daseep, sondern mit 70 Kilogramm Gewicht auch 10 Kilogramm schwerer. Diese Unterschiede sind normal: Tschuna gehört als Sibirische Tigerin zur größten Unterart aller Tiger und Daseep als Sumatra -Tigerin zur kleinsten Unterart. Wenn die beiden ausgewachsen sind, werden sie doppelt so groß und doppelt so schwer wie heute sein. Jetzt schon betreten die Tierpfleger nicht mehr das Gehege der Tigerteenies.
Tschuna und Daseep würden sich darüber zwar weiterhin freuen, aber sie sind eben nicht nur stärker geworden. Mit ihren Tatzen können die beiden auch viel gezielter zupacken, sodass es beim Spiel mit Tierpflegern leicht zu Verletzungen kommen könnte. „Sie wollen uns nicht wehtun“, sagt Tierpflegerin Nadine Hess, „aber beim Spielen würden sie uns kratzen und beißen. Unsere Haut ist dafür einfach zu dünn.“ Mittlerweile dürfen Tschuna und Daseep nicht nur wenige Stunden, sondern von morgens bis zum frühen Abend im Freigehege herumtollen. Abends kommen sie noch immer in ihr Kinderzimmer, einen gekachelten Raum mit Spielsachen und Wolldecken. Wie zu Tigerbabyzeiten schlafen sie manchmal eng aneinandergekuschelt ein.
Neues Zuhause in England
Tschuna und Daseep werden nicht mehr lange zusammenbleiben. Ende des Jahres ziehen beide nach England um. Jede von ihnen kommt in einen anderen Tiergarten. „Tschuna soll in ihrem künftigen Zoo einen Sibirischen Tigermann kennen lernen und mit ihm für kleine Sibirische Tiger sorgen. Und Daseep wird mit einem Sumatra-Tigermann kleine Sumatra-Tiger zeugen“, sagt Nadine Hess. Beim Gedanken an den Abschied wird der Tierpflegerin schon heute ein wenig bang: „Einerseits sind wir froh und stolz, dass die beiden mit unserer Hilfe große und gesunde Tiger geworden sind. Andererseits denken wir nicht gerne an den Tag, an dem sie uns verlassen. Schließlich sind sie auch ein bisschen unsere Kinder, die hinaus in die weite Welt ziehen.“
Fotos: Barbara Scheer, redkon GmbH;
August 2011