Wissen / Reportage

Welt der Tiere

Weißes Fell und blaue Augen

Sie kommen als Löwen oder Tiger zur Welt. Doch der Zufall sorgt dafür, dass sie anders aussehen als ihre Artgenossen. Löwen und Tiger mit auffällig weißem Fell können in freier Natur kaum überleben. Nur in Zoos und Tiergärten sind diese seltenen Tiere noch zu beobachten. PRIMAX besuchte weiße Löwen und Tiger im Serengeti-Park in Hodenhagen.

Weiße Tiger

Tiger mit weißem Fell sind sehr, sehr selten: Wissenschaftler schätzen, dass von 10.000 Tigern nur ein einziger so aussieht. Zudem kommt diese Besonderheit unter den neun Unterarten von Tigern lediglich bei Königstigern vor. Deshalb waren Trophäenjäger jahrhundertelang begierig darauf, einen weißen Tiger zu erlegen. Sie trugen stark dazu bei, dass seit 1958, also seit 56 Jahren, kein solches Tier in freier Natur mehr gesichtet wurde. In Zoos und Tiergärten gibt es heute nur deshalb weiße Tiger, weil der indische Maharadscha von Rewa im Jahr 1951 zur Tigerjagd ging. Im Dschungel entdeckte er einen Tiger mit weißem Fell und dunklen Querstreifen. Der Maharadscha tötete das Tier nicht, sondern ließ es einfangen und in seinen Privatzoo bringen. Dort sorgte Mohan, wie er seinen Fang nannte, mit Tigerweibchen immer wieder für Nachwuchs. Heute soll es weltweit rund 500 weiße Tiger geben.
Experten gehen davon aus, dass all diese Tiere Nachfahren von Mohan sind, natürlich über mehrere Generationen hinweg. Darin liegt ein Problem: Damit auch die Jungen ein weißes Fell tragen, müssen möglichst beide Eltern weiße Tiger sein. Da aber seit Jahrzehnten alle weißen Tiger Nachfahren von Mohan sind, sorgen immer wieder mehr oder weniger eng Verwandte für Nachwuchs: zum Beispiel Mütter mit Söhnen, Onkel mit Nichten und Schwestern mit Brüdern. Eine solche Inzucht führt häufig zu Krankheiten und Missbildungen. So haben die Menschen zwar erreicht, dass es heute noch weiße Tiger gibt. Aber viele dieser seltenen Tiere sind nicht gesund. 

Weiße Löwen

 Viele Jahrhunderte lang gab es Legenden und Gerüchte über weiße Löwen in Afrika. Ob diese Raubtiere wirklich existieren oder nur in der Fantasie der Menschen leben, war lange Zeit ein ungelöstes Rätsel. Das änderte sich erst 1975, also vor nicht einmal 40 Jahren: Damals beobachtete der amerikanische Student und Wildhüter Chris McBride im südafrikanischen Naturreservat Timbavati mit einem Fernrohr ein Rudel Löwen. Plötzlich erblickte er zwei Löwenbabys mit weißem Fell und blauen Augen! Seine sensationelle Entdeckung war der Beweis, dass es tatsächlich weiße Löwen gibt. Chris McBride blieb monatelang in der Nähe des Rudels und erkannte, dass die weißen Löwenbabys in großer Gefahr waren. Die erwachsenen, normal sandfarbenen Tiere schützten diese Jungtiere nur, solange sie klein waren. Danach wurden die beiden verstoßen, weil sie mit ihrem weißen Fell das ganze Rudel gefährdeten. Wer so auffällt, kann bei der Jagd Beutetiere kaum noch überraschen und droht früher oder später zu verhungern. Auch vor Feinden sind weiße Löwen viel schlechter getarnt als Löwen mit sandfarbenem Fell.
Der Wildhüter fütterte die jungen Löwen, bis ihm das Umweltministerium erlaubte, sie einzufangen und im Zoo von Pretoria in Sicherheit zu bringen. So wurde in Pretoria und später auch im Zoo der amerikanischen Stadt Philadelphia begonnen, weiße Löwen zu züchten, und damit verhindert, dass diese seltenen Tiere für immer verschwinden. Heute gibt es auf der ganzen Welt rund 300 weiße Löwen, die alle in Zoos und Tierparks leben. Von weißen Löwen in freier Natur ist nichts mehr bekannt.
Fotos: Gerhard Bayer
Januar 2014