Wissen / Reportage

Welt der Tiere

E.T. wird gerettet!

Er heißt E.T. und sieht tatsächlich ein bisschen wie ein Außerirdischer aus. Seine Kängurumutter wollte sich um das Junge nicht kümmern und warf es aus ihrem Beutel. In der größten Not fand sich eine menschliche Ersatzmutter, die das Kängurubaby rund um die Uhr füttert, wärmt und streichelt. Bisher mit Erfolg: E.T. wächst und wiegt schon 245 Gramm. Wenn es so weitergeht, wird er überleben.
Es ist Montag, als in der Klingelbacher Mühle bei Biga und Dieter Kruse ein Notruf eintrifft: Eine Züchterin im 800 Kilometer entfernten Stralsund berichtet, dass eine ihrer Kängurumütter das Junge aus dem Beutel geworfen hat. Sein Leben ist in großer Gefahr:
Die Züchterin hatte aus dem Fernsehen erfahren, dass die Kruses schon zwei Kängurus auf diese Weise gerettet haben. So wird E.T. in einen Fellsack mit Wärmflasche gepackt und im Auto nach Klingelbach gefahren. Als er ankommt, wiegt E.T. nur 145 Gramm. Biga erinnert sich genau: „Ich hatte zuerst Angst, ihn anzufassen, so klein und zart war er.” Dabei ist E.T. zu diesem Zeitpunkt schon mehr als fünf Monate alt. Wie alle Kängurus seiner Art wog er bei seiner Geburt gerade mal 1 Gramm und war so groß wie ein Gummibärchen.
Die ersten Tage und Nächte in der Klingelbacher Mühle sind sehr spannend und anstrengend zugleich. Der Brutkasten kann den Beutel seiner Mutter ersetzen und E.T. schön warm halten. Aber wird er auch mit dem Stress fertig, den der Umzug mit sich bringt? Und verträgt er die Kängurumilch, die extra für ihn aus Australien eingeflogen wird? Ob am Tag oder in der Nacht: Biga füttert E.T. alle zwei Stunden mit einem Milchfläschchen. Zum Schlafen kommt sie kaum. „Jedes Mal, wenn ich ihn zum Füttern rausholte, hatte ich Herzklopfen. Geht es ihm gut? Lebt er noch?” Plötzlich funktioniert die Verdauung von E.T. nicht mehr, sein Darm ist verstopft. Was tun? Biga flößt ihm ein paar Tropfen Paraffinöl ein. Es hilft. „Oftmals kann man nur etwas ausprobieren. Es gibt keine Lehrbücher darüber und auch Zoos auf der ganzen Welt wissen kaum, was ein solches Kängurubaby verträgt.“
E.T. wächst, er wird größer und schwerer und bekommt schon feine Körperhärchen. Mittlerweile braucht ihn Biga nur noch alle drei bis vier Stunden zu füttern. Noch wenige Wochen, dann soll E.T. nachts durchschlafen und tagsüber nur noch halb so oft Milch bekommen. In einem Monat werden seine Fellhaare so dicht sein, dass er die Körperwärme selbstständig halten kann. Dann wird sich sein Leben stark verändern und wie bei Kängurus in der freien Natur die reine Beutelzeit beginnen. Biga wird ihn dann rund drei Monate lang tagsüber in einem Fellbeutel mit sich herumtragen – und zwar immer und überall. Nachts wird E.T. im Fellbeutel neben dem Bett seiner Ersatzmutter schlafen. Und Biga wird immer einen Arm aus dem Bett heraushängen lassen und mit einer Hand den Fellbeutel berühren.
Fotos: Gerhard Bayer
Dezember 2013