Wissen / Reportage

Welt der Tiere

Die seltensten Affen der Welt

In Vietnam leben sie: die seltensten Affen der Welt. Von einigen Arten gibt es nicht einmal mehr 100 Tiere. In einer Rettungsstation im Urwald kämpfen Naturschützer darum, dass diese Primaten nicht ausgerottet werden. PRIMAX ist nach Vietnam gereist. Wir zeigen euch, warum trotz einiger Erfolge die Zeit drängt.
40 Stunden ohne Schlaf, dann hat es Elke Schwierz geschafft. Das Kleideraffenweibchen ist in Sicherheit! Viele Hundert Kilometer weit war die Tierpflegerin mit dem Auto gefahren, um das neun Monate alte Affenjunge abzuholen. Elke hatte erfahren, dass es von einer Familie als Haustier gehalten wird. Das ist gesetzlich verboten: Grauschenklige Kleideraffen sind wie viele andere Primatenarten vom Aussterben bedroht und stehen unter Naturschutz. Dennoch werden diese Affen von Wilderern gejagt. Mit ihnen lässt sich viel Geld verdienen: als Haustiere, als Spezialität in manchen Restaurants und für die Herstellung von Arzneimitteln. Die Anhänger der jahrtausendealten chinesischen Medizin glauben, dass der Brei aus zerkochten Primatenkörpern eine heilende Wirkung hat.
Nach der Rückkehr in die Rettungsstation untersucht eine Tierärztin das Affenjunge: Ein Arm war gebrochen, ist aber schon verheilt. Magen und Darm sind in Aufruhr. Die Familie hatte Reissuppe und Reisnudeln statt Blätter gefüttert, zum Glück nur zwei Wochen lang. Hätte die falsche Ernährung länger gedauert, wäre das Junge gestorben. Elke nennt das Weibchen nach dem Waschmittel Omo: „Als ich Omo abholte, roch sie stark nach Seife. Da passt der Name doch gut, oder?”
Omo erholt sich. Zunächst lebt sie vor allem in einem Käfig des geheizten Babyzimmers. Elke und andere Tierpfleger füttern sie alle zwei Stunden mit spezieller Milch, Tag und Nacht. Tagsüber darf Omo kurz ins Freie und Blätter fressen. Später wird sie in eines der Gehege zu ihren Artgenossen kommen: Derzeit finden in der Rettungsstation 29 Grauschenklige Kleideraffen ein sicheres Zuhause. In freier Natur leben nur noch rund 900 von ihnen, alle in Vietnam, nirgendwo sonst auf der Welt.
In wenigen Wochen kehrt Elke Schwierz nach Deutschland zurück und arbeitet wieder als Tierpflegerin im Leipziger Zoo. Wie zuvor andere Kollegen aus dem Zoo kam sie für mehrere Jahre nach Vietnam, um sich für das Überleben bedrohter Primaten einzusetzen. In der Rettungsstation teilt Elke nicht nur die Arbeit der drei vietnamesischen Tierpfleger ein. Sie bringt auch mehr als 20 Hilfspflegern, also jungen Frauen und Männern aus nahen Dörfern, alles bei, was nötig ist, um die täglichen Aufgaben zu erledigen: 150 Affen aus 15 Arten müssen versorgt, 40 Gehege sauber gehalten und regelmäßig ausgebessert werden.Die Rettungsstation liegt am Rand des Cuc-Phu ong-Nationalparks. Solche geschützten Gebiete sind in Vietnam die letzten Rettungsinseln für Primaten und andere Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind. Noch vor wenigen Jahrzehnten war der größte Teil Vietnams von Urwald bedeckt. Dort fanden ganz unter schiedliche Pflanzen und Tiere einen ungestörten Lebensraum. Mittlerweile haben die Menschen fast die gesamte Fläche abgeholzt und gerodet. Sie nutzten das Holz der Bäume, um sich Hütten und Häuser zu bauen und ihre Unterkünfte zu beheizen. Übriggeblieben ist nur ein Zehntel des Urwalds. Felder, auf denen Reis, Zuckerrohr und Süßkartoffeln angebaut werden, reichen bis an die bewachsenen und zum Glück der Tiere nur schwer zugänglichen Berge heran.
Fotos: Gerhard Bayer, redkon GmbH
März 2012