Wissen / Reportage

Welt der Tiere

Meister der Tarnung

Tintenfische sind außergewöhnliche Tiere: Sie haben acht bis zehn Arme und einen eigenen Raketenantrieb. Ihr Aussehen können sie blitzschnell wechseln und gegen Angreifer verteidigen sie sich mit jeder Menge blauschwarzer Tinte.
Wenn Tintenfische durchs Wasser schweben, wirken sie wie fantastische Raumschiffe oder U-Boote. Unter der Rückenhaut des Gewöhnlichen Tintenfisches liegt eine kalkige Platte. Dieser sogenannte Schulp ist löcherig und mit Gas gefüllt und sorgt so für den nötigen Auftrieb im Wasser. Die Kalkschale toter Tiere wird häufig an Strände gespült. Bestimmt hat jeder von euch schon einmal Schulp gesehen: als Kalkstein, an dem sich Käfigvögel ihre Schnäbel wetzen können.
Vorwärts und rückwärts! Tintenfische können in beide Richtungen schwimmen und haben dafür gleich zwei Antriebsquellen. Um auf der Stelle zu schweben oder langsam voranzukommen, brauchen sie bloß ihren Flossensaum auf beiden Längsseiten des Körpers wie eine Welle zu bewegen. Wenn sie es sehr eilig haben, nutzen diese ungewöhnlichen Tiere einen zweiten Motor, der fast wie eine Raketendüse funktioniert: Die Tintenfische saugen erst möglichst viel Wasser durch den Mund zwischen ihren Armen ein und stoßen es dann blitzartig wieder aus. So können sie sich von Angreifern schnell wegkatapultieren, wenn auch nur über kurze Strecken.

Was Tintenfische beim Fressen nicht vertragen oder was ihnen bloß nicht schmeckt, schleudern sie aus ihrem Mund wieder heraus. Das kann zum Beispiel Sand sein, den sie zusammen mit der Beute gefressen haben, oder Teile der Schalen oder Fühler von Garnelen, die ihnen ansonsten schwer im Magen liegen würden.

Ob auf hellem Sand oder vor fleckig dunklen Felsen: Gewöhnliche Tintenfische sind dazu fähig, ihre Haut sekundenschnell an die Farbe der Umgebung anzupassen. Das ist doppelt nützlich: Erstens können sie so unerkannt und in Ruhe auf vorbeikommende Beute warten. Zweitens sind sie für Angreifer nur schwer zu sehen. Wie ist das möglich? In ihrer Haut gibt es Tausende von Farbzellen. An jede Farbzelle greifen fünf kleine Muskeln an. Wenn manche Muskeln angespannt werden, treten bestimmte Farben stärker hervor, während andere fast unsichtbar werden. Durch die wechselnde Farbe ihrer Haut tarnen sich Tintenfische nicht nur. Sie verständigen sich damit auch untereinander und zeigen sich, wie es ihnen gerade geht. Zum Beispiel signalisieren manche Farben, dass der jeweilige Tintenfisch wütend oder ängstlich ist oder dazu bereit, mit einem anderen Tintenfisch für Nachwuchs zu sorgen. Auf die gleiche Weise wie beim Farbwechsel können Tintenfische auch ihre Oberfläche verändern: Sie sind dann glatt oder runzelig, gebeult oder stachelig – je nachdem, wie es am besten zur Umgebung passt. Fühlen sich Tintenfische bedroht, stoßen sie eine dunkle Flüssigkeit, die in ihrem Tintenbeutel gespeichert ist, ins umgebende Wasser aus. Diese dunkle Wolke verwirrt den Angreifer, vernebelt seine Sicht und stört seinen Geruchssinn. Ihren Namen haben die Tintenfische diesem Tarntrick zu verdanken.
Fotos: Gerhard Bayer
Februar 2015