Wissen / Reportage

Welt der Tiere

Linus und die letzten Tümmler

Als Linus zum ersten Mal Bilder von Delfinen im Meer sah, wusste er: „Ich will einmal selbst Delfine springen sehen! Nicht im Zoo, sondern in freier Natur!“ Endlich war es so weit: Der Kinderreporter machte sich auf den Weg nach Schottland, um die letzten 200 Großen Tümmler der Nordsee zu erleben.
Habt ihr gewusst, dass Große Tümmler zu den Delfinen zählen? Sie sind eine von 40 Delfinarten und kommen in fast allen Ozeanen und Meeren vor. Die am weitesten im Norden lebenden Tümmler gibt es an der Küste Schottlands, rund um die große Bucht Moray Firth. Dort jagen sie vor allem Lachse und ziehen ihren Nachwuchs groß. Normalerweise erreichen Tümmler eine Länge von 2,5 Metern und ein Gewicht von bis zu 300 Kilogramm. Um im kalten Wasser der Nordsee zu überleben, haben die Tümmler vor Schottland eine sehr dicke Fettschicht. Deshalb werden sie mit bis zu 4  Metern und 650 Kilogramm besonders lang und schwer. Die Jungen von Tümmlern heißen Kälber. Weibchen bringen jedes Mal nur ein Kalb zur Welt. Nach der Geburt wird es von der Mutter 3 bis 5 Jahre lang gestillt. Erst danach bekommen Tümmler neuen Nachwuchs. In freier Natur können sie 50 Jahre alt werden, gefangene Tiere in Delfinarien erreichen oft nicht einmal ein Alter von 20 Jahren. „Flipper“, Star einer Fernsehserie, ist ebenfalls ein Großer Tümmler. Genau wie er sind auch seine Artgenossen von Moray Firth neugierig und verspielt: Sie springen gerne, schauen sich dabei die Umgebung an, klatschen mit der Schwanzflosse aufs Wasser und surfen oft auf Bugwellen von Schiffen. Die meisten Tümmler sind sehr gesellig und leben in Gruppen zusammen.
Linus kann es kaum erwarten, die Rückenflosse des ersten Tümmlers zu sehen. Östlich der Bucht Moray Firth liegt im Küstenort Spey Bay das Scottish Dolphin Centre (auf Deutsch: Schottisches Delfin-Zentrum). Wenige Meter von hier entfernt tauchen an fast jedem Tag Tümmler auf. „Warte, am frühen Nachmittag haben wir bestimmt Glück“, meint Caro. Die Biologin aus München macht ein Praktikum im Zentrum. Dazu gehört auch, Besuchern wie Linus viel vom Leben der Tümmler und von den anderen Tieren und Pflanzen an der schottischen Küste zu zeigen und zu erklären.

War das eine Rückenflosse oder nur eine Welle?

Eine Stunde lang darf Linus das Super-Fernglas des Delfin-Zentrums benutzen. Genau wie er halten Mitarbeiter sogar mehrmals täglich Ausschau. Zu den Aufgaben des Zentrums gehört es, möglichst genau festzustellen, wie viele Tümmler, aber auch andere Delfine und Wale sich zu welcher Zeit und an welcher Stelle aufhalten. Dabei werden sie von 120 freiwilligen Helfern unterstützt, die an Küstenregionen in ganz Schottland mit Ferngläsern nach Delfinen und Walen suchen und ihre Ergebnisse dem Zentrum melden. „So lernen wir sehr viel über diese Tiere“, erklärt Caro: „Es fällt uns damit auch leichter, Schutzgebiete für Wale und Delfine zu schaffen.“ Während Caro spricht, schaut Linus aufmerksam durch das Fernglas. Plötzlich deuten auf dem nahen Strand Spaziergänger nach Nordwesten. Sofort dreht der Kinderreporter das Fernglas in diese Richtung. Tatsächlich! Eine Gruppe von Tümmlern nähert sich der Küste vor Spey Bay. Endlich sind sie so nahe, dass Linus Nasenlöcher und Schwanzflossen erkennen kann. „Hm, ich wäre gerne noch näher dran“, sagt er zu Caro. „Vielleicht kann ich sie morgen auch springen sehen. Das wäre klasse!“
Fotos: Gerhard Bayer, Charlie Phillips, EcoVentures
Oktober 2015