Wissen / Reportage

Welt der Tiere

Die 3 vom Dachboden

Sie heißen Bibi, Bonnie und Balou und kamen erst vor zwölf Wochen zur Welt. Doch die Waschbärenbabys haben schon eine aufregende Zeit hinter sich. Wir besuchten das Trio und ihre menschliche Ersatzmutter Biga Kruse in der Klingelbacher Mühle.

Es geschah vor zwölf Wochen: Ein Waschbärenweibchen bringt auf einem Dachboden drei Junge zur Welt. Die Bewohner des Hauses in der hessischen Stadt Marburg bemerken die kleine Familie. Waschbären knabbern gerne alles Mögliche an und verursachen
oft Schäden. Deshalb werden die Mutter und ihre Kinder gefangen und in einem Wald wieder freigelassen. Dieser Umzug bringt die Waschbärenmama völlig durcheinander: Sie kümmert sich nicht mehr um ihre acht Tage alten Babys. Die Kleinen drohen zu verhungern. Zum Glück nimmt ein Tierschutzverein die drei Waschbären auf. Über einen Tierarzt gelangen sie zu Biga Kruse. Sie hat viel Erfahrung darin, als Ersatzmutter Tierbabys aufzuziehen.

Erst knapp zwei Wochen alt und nur 200 Gramm schwer: So kommen die drei Babys in der Klingelbacher Mühle an. In den ersten
Tagen fütterte Biga die Waschbären rund um die Uhr alle drei Stunden mit einer Nuckelflasche voller Milch, die eigentlich für Hundewelpen vorgesehen ist. „Mittlerweile bekommen sie immer weniger Milch und immer mehr festes Futter“, schildert Biga. „Zum Beispiel Haferflocken, Bananen, Zwieback und Katzenfutter. Und Rührei ist ihre absolute Lieblingsspeise.“

Ein Ausflug ins Grüne!

Sofort klettern Bibi, Bonnie und Balou aus der blauen Transportbox heraus. Nach kurzer Zeit sieht Balou einen Bewohner der eingezäunten Wiese auf dem Gelände der Klingelbacher Mühle: Als hätte er es schon oft getan, klettert der Waschbärenjunge
auf den Rücken von Rambo, einer 50 Jahre alten Spornschildkröte. Geduldig und langsam trägt das große, schwere Tier seinen Passagier durch das hohe Gras. „Waschbären sind neugierig, klug und sehr geschickt. Unser Balou ist manchmal total frech und versucht die beiden Mädchen zu übertrumpfen.“ Biga erlebt Bibi und Bonnie viel zarter und verspielter. „Aber auch sie lieben es, Schränke zu öffnen, alles herauszuziehen und ein großes Durcheinander zu hinterlassen.“ Wenn sie erwachsen sind, können
Waschbären nicht frei in der Wohnung umherlaufen, sondern brauchen ein eigenes Gehege: „Es sind eben keine Schmusetiere, keine Teddybären, sondern Wildtiere.“

Waschbären sind tolle Kletterer!

Das wollen Bibi, Bonnie und Balou am großen Papageienkäfig ausprobieren. Ohne große Mühe erklimmen sie mit ihren langen Krallen die mehr als drei Meter hohe Dachspitze. Ups! Auf dem Rückweg verlässt sie dann doch der Mut. Zum Glück pflückt Mama Biga die drei von der steilen Käfigwand herunter und setzt sie sicher auf den Erdboden.
Bibi, Bonnie und Balou können nie mehr in freier Natur leben. „Mit ihren Artgenossen kämen sie nicht zurecht. Sie sind bei Menschen aufgewachsen und sehen deshalb auch Menschen als ihr Rudel an.“ Schon bald wird sich Biga nach Menschen umsehen, die den drei Waschbären ein schönes Zuhause bieten können. „Sie brauchen ein großes Gehege und sollten darin klettern können. Eine kleine Wasserstelle wäre ebenso wichtig.“ Am besten dazu auch einen Garten für regelmäßige Ausflüge ins Grüne, denn zu entdecken gibt es dort ja immer etwas.

Fotos: Gerhard Bayer
September 2016